| Wir beginnen unseren Altstadtbummel auf dem Kirchplatz (1) der St.-Aegidius-Kirche. Bereits um das Jahr 785 ist hier ein erster Kirchbau nachgewiesen. Der Grundstein für den heutigen Bau wurde im Jahre 1502 gelegt.
Gegenüber dem Kirchturm lädt uns das Haus Espeter (2) zum Betrachten ein. Es ist das Haus des reichen Patriziers Christian Wippermann. Zierreicher Ornamentschmuck fällt auf. Man sieht teils Fabelwesen, teils Palmettenmuster. Drei Konsolen des Mittelgeschosses tragen Figurenschmuck mit religiösen Motiven, die leider durch den Ausbau des Schaufensters angeschnitten wurden. Der lateinische Spruch lautet in der Übersetzung “Schütze dieses Haus, hoher Weltenbauer, daß weder Sturm noch die Gier des Feuers ihm schade, denn zum Ruhm und zur Ehre der Stadt errichtete Christian Wippermann dieses Haus”.
Das historische Rathaus Wiedenbrück (3) dient heute der Stadtverwaltung als Standesamt.
Das Rathaus Wiedenbrück wurde 1619, ein Jahr nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, errichtet. 1790 wurde das Rathaus im größeren Umfang umgebaut. In dieser Zeit ist vor allem die Fassadenseite zum Markt entstanden, ein früherer Laubengang wurde in das Gebäude einbezogen. Die Breite des früheren Laubenganges wird an der Fassade zur Kirchenseite hin durch einen sogenannten „Neidkopf“ markiert. Einer der Balkenköpfe ist als Menschenkopf gestaltet, Neidköpfe hatten eine unheilverhütende Bedeutung. Abbildungen dieser Art sind eine Art christlicher Ersatz für die heidnischen Bauopfer, als lebende Wesen (meist Katzen, Hunde, Hühner) in einen Bau eingemauert wurden, um ihn vor Unheil zu schützen.
Die Marktseite ist mit Quaderputz versehen, doppelgeschossig, mit neun Fensterachsen. Der Eingang liegt in der Mittelachse, über der schmucklosen Türöffnung prangt das Fürstbischöflich-Osnabrücker Wappen aus der Zeit des Kölner Kurfürsten Clemens August (1728 – 1761 Fürstbischof von Osnabrück). Es zeigt unter einem Kurhut ein rotes, stehendes Sechsspeichenrad in silbernem Rokokoschild, von Palmwedeln, Ähren- und Blumenkranz umrahmt, darunter das Wieden-brücker Stadtwappen: Rotes, stehendes Sechsspeichenrad in silbernem Barockschild, von springenden Löwen gehalten. An der rückwärtigen Fassade zum Ratskeller finden sich am Langbalken die Reste folgender Inschrift:
.... BELLA SUNT (FINIS)
OMNIUM GENITRIX PAX EST, CUSTODIA
(RERUM) ....
NULLA VOLUPTAS, NULLUS AMOR,
NULLUM RELIGIONIS OPUS.
SAECULA PAX RENOVAT, PAX AUREA TEM-
PORA PORTAT, ET MORES PRISCAE SIMPLI-
CITATIS HABET.
ANNO 1619
Da dieser lateinische Text fortlaufend in den Langbalken eingeschnitzt ist, fällt auf den ersten Blick nicht auf, daß es Verse sind, und zwar drei Distichen. Ein Distichon (Mehrzahl Distichen) ist ein antikes Versmaß, es bezeichnet eine Strophe mit zwei verschiedenen reimlosen Versen.
Die Inschrift auf dem Langbalken beklagt den Krieg und preist den Frieden, die Übersetzung lautet:
„.... die Kriege sind (das Ende).
Der Friede ist die Mutter von allem,
der Hüter (der Dinge) ....
kein Vergnügen, keine Liebe, kein Werk der Religion.
Friede läßt die Zeiten sich erneuern.
Friede bringt goldene Zeiten, und er hat die Sitten der
strengen Einfachheit.“
Anno 1619
Wie gesagt, das Rathaus wurde ein Jahr nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges erbaut. Vielleicht hat man zu diesem Zeitpunkt in Wiedenbrück noch nicht einmal den beginnenden Krieg zur Kenntnis genommen. In jedem Fall aber war den Gebildeten der Stadt Wiedenbrück der Satz des griechischen Philosophen Ptolemaios „Polemos pater panton“ (Der Krieg ist der Vater aller Dinge) bekannt, die Inschrift am Rathaus ist sicher ein bewußter Gegensatz zu diesem Wort.
Die Giebelseite zur Kirche weist drei Inschriftenbänder auf. An der reich verzierten Obergeschoßschwelle auf dem Tiefbalken befindet sich die lateinische Inschrift mit der unmittelbar darauf folgenden freien Übersetzung:
SIC GEMINAS HOMINI CONCESSIT CONDITOR AURES POSSIT UT HAEC LAESIS ILLA PATERE REIS.
„Dem Menschen Gott nicht ohne Rath zwey Ohren angeschaffen hat: das er damit hoere ohne Verdacht; was Cleger und Beclagter sagt.”
An der Giebelschwelle steht:
MAGISTRATUS A DEO ORDINATUS EST. QUI AUTEM MAGISTRATUM CONTEMNIT; ILLE IURI NATURALI ET DIVINO REPUGNAT AC ORDINATIONI DIVINE RESISTI IMPIUS.
„Der Magistrat ist von Gott eingesetzt. Wer aber den Magistrat verachtet, der widerspricht dem natürlichen und göttlichen Gesetz und leistet unfromm der göttlichen Ordnung Widerstand.“
Der Text bezieht sich auf den Brief des Paulus an die Römer, Römer 14, Vers 1 und 2, dort heißt es:
„Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebet Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.“
Am Balken der Giebelspitze steht wiederum der deutsche Text:
EINEN GERECHTEN UND STANMDHAFTFTEN MAN GARKEIN GEFAHR ERSCHREKEN KAN; ER PLEIBET VESTE UND STEHET STILLE, OBGELEICH DIE WELT IN HAUFFEN FIELE.
AN(N)O 1619
Dieser Text gibt sinngemäß die erste Strophe einer der Römeroden (Carmina III/3) des römischen Dichters Horaz wieder. Diese Strophe lautet in der deutschen Übersetzung:
„Einen gerechten und an einer Entscheidung festhaltenden Mann drängt nicht die Volkswut zum Schlechten, nicht das drohende Gebaren eines Tyrannen erschüttert den unerschrockenen Geist, auch nicht der Südsturm.“
Gegenüber der Westseite des Rathauses (Rückseite) finden wir das Romantik-Hotel „Ratskeller“ (4). Ein prachtvoll renovierter Fachwerkbau mit reichen Schnitzereien und tiefsinnigen Bildinschriften. Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Zierat und Inschriften. Der Spruch ist dem 5. Buche des Propheten Isaias entnommen, in welcher er die Lasterhaftigkeit und Ausgelassenheit des jüdischen Volkes während der Verbannung anprangert. Die Inschrift lautet in heutigem Deutsch:
„Wehe, die ihr früh aufsteht und eiligst zum Zechen geht, sauft euch voll, liebet Hurenfreuden als wäret ihr toll. Versäumet eure Seligkeit und vergesset die Barmherzigkeit. Darum will ich euch mit Angst umfangen, die Hölle hat nach euch Verlangen.“
Ein kurzes Verweilen vor dem „Betenden Landmann“ (5) erinnert uns an die Benediktinische Ordensregel „Ora et labora - bete und arbeite“.
Weiter links sehen wir den mächtigen Giebel des Hauses Ottens (6), das 1635 vom Lohnherrn (heutige Funktion: Stadtkämmerer) Tecklenborg für 2 500 Reichstaler gebaut wurde. Ein Lehrer verdiente damals im Jahr ganze 50 RTI. Die Inschriften sprechen für sich und zeugen von der tiefen Frömmigkeit des Erbauers. Bei einem späteren Bummel über die „Lange Straße“ sollten Sie sich auch die Westfront des Hauses ansehen.
Im gegenüberliegenden Bereich (7) wütete am 11. Oktober 1685 ein großer Brand, der in einer Nacht 28 Prinzipal-Häuser mit sämtlichen Nebengebäuden einäscherte. Der Schaden wurde auf 20000 RTI geschätzt. Mit Sicherheit haben dort am Markt ebenso schöne Fachwerkhäuser gestanden, wie das Haus Ottens. Leider hat hier ein stilgerechter Wiederaufbau nie stattgefunden.
In dem Haus, das früher an der Stelle (8) stand, hat fast 20 Jahre die Mystikerin und Dichterin Luise Hensel gewohnt, bekannt durch das Abendgebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“.
Auf der Straße „In der Halle“ finden wir das Haus Hemmelmann (9). Hochinteressante Tier-, Fabel- und Menschenbilder blicken uns hier an, Reiz und Wert der Schnitzereien liegen nicht in der kunstvollen Gestaltung, sondern in der symbolischen Bedeutung. Der Hahn ist hier nicht der Vertreter der Wachsamkeit, sondern das Abbild des Stolzes, der Eitelkeit und Hoffart. Das Menschenantlitz mit dem gescheitelten Haar ist das Sinnbild der Völlerei, des guten Essens und Trinkens. Die nächste Darstellung, halb Wolf, halb Mann, ist das Sinnbild des Geizes. Das Doppelgesicht ist die bildliche Darstellung des Spruchs „Hüte dich vor den Katzen, die vorne lecken und achtern kratzen“, also die Darstellung der Doppelzüngigkeit und der Falschheit. Die letzte Darstellung zeigt den Fuchs, der die Gans stiehlt.
Auf der Ecke „Zum Klingelbrink“ steht das Haus Gröne (10), ein gut gelungener Durchbau eines Fachwerkhauses zu einem Geschäftshaus. In der linken Hausmarke ist ein Drudenfuß (Fünfzack-Pentagramm) dargestellt, ein mittelalterliches Abwehrsymbol gegen Hexen und böse Geister. Schauen Sie sich ruhig auch mal das Innere des Hauses an - es lohnt sich.
Wir setzen unseren Bummel fort und gelangen über die Kirchstraße zur Fuchshöhle (11). Das Vorgängerhaus war 1685 bei dem großen Brand zerstört worden. Bereits ein Jahr später konnte der Eigentümer „mit Gottes Hilfe und Freunde Hand“ das Haus wieder aufbauen. In der lateinischen Inschrift sind einige Buchstaben größer geschrieben. Es sind römische Zahlen. Setzt man diese zusammen, erhält man die Jahreszahl 1686 (Chronogramm). Auch hier finden wir im Wirtshausschild wieder einen Drudenfuß.
Wer einen kurzen Abstecher nicht scheut, sollte über die Wichernstraße und Wasserstraße zum Reckenberg (12) gehen. Der Reckenberg ist die ehemalige fürstbischöfliche Stiftsburg, die Mitte des 13. Jahrhunderts zum Schutze der Stadt und des Amtes als Wasserburg angelegt wurde.
Zurück zum Kirchplatz sollten Sie noch das Innere der St.-Aegidius-Kirche (1) aufsuchen. Sehenswert sind hier die Kanzel, der Taufstein, die Rosenkranzfenster hinter dem Taufstein, das Sakramentshäuschen und der Marienaltar an der linken Seite.
Nach einem Besuch des Heimatmuseums (Funde zur Ur- und Frühgeschichte, Entwicklung der mittelalterlichen Stadt und der Wiedenbrücker Bildhauerschule) in der Eintrachtstraße (13) empfiehlt sich noch ein Gang zu den Häusergruppen um das Haus Pollmeier (14) auf der oberen „Langen Straße“ und den Häusern links und rechts des Adenauer-Platzes (15). Vom Adenauer-Platz bietet sich im übrigen ein imposanter Blick auf den Ems-See und das Gelände der Flora Westfalica an.
Falls Sie sich für den „Zwinger“ (16), einem Rest der alten Befestigungsanlage, interessieren, vom Adenauer-Platz aus können Sie ihn schnell erreichen. Das Bauwerk ist im 13. Jahr- hundert errichtet worden. Die Stadt wurde umlaufend durch diese Mauer geschützt, wo durch der Einlass durch eines vier Stadttore möglich war. Viele Türme ermöglichten einen guten Überblick
um zu schauen was so aus der Ferne nahte.
Bei einem längeren Verweilen in Wiedenbrück sollte auch der Besuch der Marien-Kirche (17) nicht fehlen. Ein auffälliger Bogen verbindet das Gotteshaus über die Straße hinweg mit dem Franziskanerkloster (1667). Im Mittelpunkt des Hauptaltars ist ein Gnadenbild aus dem 15. Jahrhundert. In der Kirche beginnt und endet eine seit über 300 Jahren am Karfreitag durch die Stadt ziehende Kreuztracht.
Anschließend reizt ein Spaziergang über die Umflutwälle (18) - Klosterwall, Aegidienwall, Nordwall.
Lehrreich, unterhaltend und amüsant. Buchen Sie eine begleitende Stadtführung durch Wiedenbrück. Informationen/Buchungen: Flora Westfalica, Tel. 05242/930116

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